
Es ist das verrückteste Formel-1-Rennen des Jahres, der Grand Prix von Monaco in Monte Carlo. Auf der einen Seite liebt der Formel-1-Tross den irren Stadtkurs inmitten der monegassischen Metropole, in der ein mehrstelliger Kontoauszug die Aufenthaltsgenehmigung für die Einwohner ist, auf der anderen Seite verabscheuen die Teams die Strecke vor allem wegen ihrer bescheidenen Sicherheitsstandards.
Zumindest die Arbeitsbedingungen für die Teams sind seit einigen Jahren besser, ist doch im Hafen eine geräumige Boxenanlage installiert worden. Dazu wurde die gewohnte Streckenführung in der Rascasse um zehn Meter in Richtung Meer verlegt, wo durch Aufschüttungen 5.000 Quadratmeter zusätzlicher Raum entstanden ist. Die neue Boxenanlage befindet sich direkt hinter der alten, die Fahrer biegen vor der letzten Kurve in die Boxenstraße ein.
Wer mit rund 160 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit mitten durch eine Stadt fährt, in der Auslaufzonen genauso Mangelware sind wie Restaurants, in denen man einen Kaffee zu Normalbürgerpreisen erhält, muss ein wenig verrückt sein. Für den ehemaligen Grand-Prix-Piloten Ralf Schumacher entspricht diese Strecke einfach nicht mehr den aktuellen Sicherheitsstandards: "Ich warne immer wieder, dass dieses Rennen nicht mehr zeitgemäß ist."
In Monaco liegt das Geld
"Hier liegt das Geld", erklärt Teamchef Frank Williams, warum die Formel 1 auch heute noch so gerne nach Monaco reist. Nirgendwo sonst geben sich so viele Prominente und Sponsorenvertreter ein Stelldichein wie in der Stadt der Reichen und Schönen, in der das Formel-1-Rennen eigentlich nicht viel mehr ist als die perfekte Bühne, um sich vor der Weltöffentlichkeit zu präsentieren. Wer sich den Luxus leisten kann, dockt mit seinem Privatschiff am Hafen an und genießt das Rennen von Deck. Nirgendwo sonst laden die Teams so viele Prominente ein wie in das Fürstentum.
Der besondere Kick
Nick Heidfeld, der 2000 im Prost in der Rascasse-Kurve spektakulär in die Leitplanken gekracht ist, sieht die Sicherheitsdiskussionen eher gelassen: "Es ist nicht so gefährlich, wie es oft dargestellt wird. Man knallt meistens im spitzen Winkel in die Leitplanken, dadurch wird viel Energie absorbiert", so der Mönchengladbacher über den Kurs, den er als seine Lieblingsstrecke bezeichnet.
"Rennfahren in Monaco ist wie Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer", sagte einst der dreimalige Weltmeister Nelson Piquet über die Fahrerstrecke an der Côte d'Azur, wo sich Jahr für Jahr die Spreu vom Weizen trennt. Zum 55. Mal fährt die Formel 1 in diesem Jahr dort, wo sie nach all den Diskussionen um die Sicherheit nun wirklich nicht hingehört: "Es ist nach wie vor skurril, dass dort überhaupt eine Rennstrecke sein kann", meint Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Mit einer Renndistanz von knapp über 260 Kilometern bleibt man ausnahmsweise unter der ansonsten vorgeschriebenen Mindestdistanz von 305 Kilometern - sonst würde der Grand Prix die Maximaldauer eines Rennens von zwei Stunden überschreiten.
Angst vor einem Horrorunfall
Die Geschichte zollt Monaco erwartungsgemäß keinen hohen Sicherheitsstandard. 1967 waren dem Italiener Lorenzo Bandini die eigentlich zur Absicherung gedachten Strohballen zum tödlichen Verhängnis geworden. Nach einem Unfall in der Hafenschikane fing sein Auto Feuer, das schnell auf die Strohballen übergriff. Die damals noch unzureichend ausgerüsteten Streckenposten konnten den Piloten nicht schnell genug aus dem Flammeninferno retten. Ein paar Jahre zuvor war Alberto Ascari in der Hafenschikane ins Meer gesegelt, aber Froschmänner konnten ihn rechtzeitig aus dem Wasser fischen.
Der letzte folgenschwere Unfall war 1994 der Crash Karl Wendlingers ausgangs des Tunnels. Der Österreicher lag anschließend wegen schwerer Kopfverletzungen wochenlang im Koma. Aus diesem Unfall hat man gelernt: Die Hafenschikane wurde durch Reifenstapel gesichert, für das Cockpit wurde ein seitlicher Kopfschutz Vorschrift. Den Tunnel in Richtung Hafenschikane verlassen die Fahrer mit rund 300 km/h - die Angst vor einem Horrorunfall am Ende des Tunnels oder gar in der nicht einsehbaren Kurve innerhalb des Tunnels fährt immer mit. 1998 (Wurz), 2002 (Sato) und 2003 (Button) entging das Fürstentum an dieser Stelle nur knapp einer Katastrophe.
1.000 Kurven, 3.000 Schaltvorgänge
3,340 Kilometer lang ist der Kurs von Monaco. 2005 drehte Kimi Räikkönen im McLaren-Mercedes mit 1:13.644 Minuten die bisher schnellste Runde im Fürstentum. Enge Kurven, Unebenheiten, Kanaldeckel und Fahrbahnmarkierungen sind die Tücken der Strecke, die keine andere Teststrecke bietet. "Monaco ist ungewöhnlich, weil die Strecke mit knapp über 3,3 Kilometern sowohl die kürzeste und mit einem Schnitt im Qualifying von unter 170 km/h die langsamste Strecke ist. Jede Runde besteht aus 13 Kurven, was bedeutet, dass man bei 78 Runden über 1.000 Kurven zu durchfahren hat", erklärt Pat Symonds, Chefingenieur des Renault-Teams.
"Die Fahrer haben nicht die Möglichkeit zur Erholung und machen aus diesem Grund leicht einen Fehler. Da es in Monaco an Auslaufzonen mangelt, sind diese Fehler folgenreich. Zusätzlich werden pro Runde 38 Gangwechsel durchgeführt, was pro Rennen 3.000 Schaltvorgänge bedeutet. Auch wenn man heute nur noch mit den Fingern tippen muss, verlangt das den Fahrern viel Konzentration ab, weil sie im Schnitt alle 2,1 Sekunden schalten müssen."
Die Pole-Position ist die halbe Miete
Besondere Bedeutung kommt auf dem Stadtkurs dem Qualifying zu, weil Überholmanöver im Rennen wegen der geringen Streckenbreite praktisch ausgeschlossen sind. "Das Setup für Monaco", erklärt Symonds, "ist sehr schwierig, weil sich die Strecke sehr schnell verändern kann, und dies macht den Fahrern sehr schwer zu schaffen, weil sie ihre Autos nicht richtig verstehen. Man muss ein gutes Setup finden, das genügend Traktion bietet, aber das auch das den modernen Formel-1-Autos angeborene Untersteuern so gut wie möglich vermeidet. Dieses Problem tritt besonders in langsamen Kurven auf. Die Teams werden wohl alle auf weiche Reifen setzen, um in der Startaufstellung vorne zu stehen."
Teamchef Frank Williams ist als Formel-1-Enthusiast bekannt, und er liebt Monaco besonders deshalb, weil er der fahrerisch mit Abstand schwierigste Kurs ist - ideal, um zu sehen, welcher Fahrer über das meiste Talent verfügt: "Der Straßenkurs von Monaco bedeutet für die Fahrer eine nicht endende Aneinanderreihung von Schwierigkeiten: scheinbar endlose Leitplanken, eingeschränkte Sicht durch die engen Visiere und wechselnd nach innen und nach außen hängende Kurven. Es ist offensichtlich, weshalb dieser Kurs eine besondere Herausforderung ist."
"Abtrieb" heißt das Zauberwort
Neben Budapest ist Monaco die Strecke, auf der man am meisten Abtrieb benötigt. Die Flügel sind so steil wie nur möglich gestellt. Man wird auf der engsten Strecke im Kalender aus diesem Grund zahlreiche Zusatzflügel sehen, die alle nur das eine Ziel haben: mehr Abtrieb zu generieren. Besonders belastet werden auch die Radaufhängungen, denn es kann gelegentlich zu Leitplankenkontakt kommen, und wegen der Bodenwellen auch das Getriebe. Die meisten Teams bringen daher verstärkte Teile nach Monaco mit.
Wie Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger erklärt, kann man sich auf dieses Rennen als Team kaum vorbereiten: "Monaco ist die am wenigsten berechenbare Rennstrecke im Kalender. Der Kurs ist kaum zu simulieren, weder die Asphaltverhältnisse noch die Streckenführung, die keiner permanenten Rennstrecke der Welt ähnelt. Kein Team weiß im Vorfeld wirklich, ob dieser Stadtkurs dem eigenen Auto liegt oder nicht. Als Fahrer setzt man sich gerne unter Druck, weil dies ein besonderes Rennen, mit vielen besonderen Gästen ist. Fast jeder Fahrfehler endet in der Leitplanke."
An den Motor werden in Monaco besonderer Anforderungen gestellt, wie Renaults Denis Chevrier erläutert: "Der Motor wird hier weniger belastet als auf jeder anderen Strecke. Der Motor muss aus sehr langsamen Drehzahlen ansprechen. Fakt ist, dass Monaco die größte Bandbreite von minimaler und maximaler Geschwindigkeit aller Rennstrecken des Jahres erfordert. Ein Formel-1-Motor wird entwickelt, um bei sehr hohen Geschwindigkeiten zu laufen und wird auf diese Bedingungen optimiert. Als Ergebnis kann es manchmal Probleme mit der Schmierung und Vibrationen geben, wenn man ihn bei solch niedrigen Drehzahlen betreibt."
Die "Big Names" der Formel 1 sind in Monaco vorne
Dass der Circuit de Monaco an die Formel-1-Fahrer hohe Ansprüche stellt, zeigt auch ein Blick in die Statistik: Ayrton Senna liegt mit sechs Siegen in Führung, gefolgt von Michael Schumacher und Graham Hill mit jeweils fünf Triumphen. Alain Prost kommt auf vier Siege, vor Stirling Moss und Jackie Stewart mit drei und Juan Manuel Fangio, Niki Lauda, Jody Scheckter und David Coulthard mit zwei Siegen. Dank der meist vielen Ausfälle können aber auch einmal ganz unerwartete Fahrer die Ziellinie als Erster überqueren, so zum Beispiel Olivier Panis im Jahr 1996.
Das dominanteste Team in Monaco ist McLaren. Das Team konnte 14 Rennen im Fürstentum für sich entscheiden, gefolgt von Ferrari mit acht, Lotus mit sieben und BRM mit fünf Siegen.
Monaco - heiße Flitzer, heiße Jachten und heiße Kurven
In Monaco bestätigen sich sämtliche Klischees, die man mit der Gattung der Reichen und Schönen verbindet: Fotomodelle in Begleitung gut aussehender Herren, ältere Damen mit lila gefärbten Haaren, mit Brillanten behängt und Pudeln auf den Arm, neureiche Herren, die auch schon mal mehr als nur eine Rolex am Handgelenk tragen und jede Menge spärlich bekleideter junger Mädchen, die am Hafen entlang stolzieren und selten vergebens darauf hoffen, auf eine der Luxusjachten eingeladen zu werden.
Der Boulevard der Eitelkeiten kennt keine Grenzen. Aber es ist auch genügend wirkliche Prominenz vor Ort. So kann es ohne weiteres passieren, dass man auf der Straße mit Alain Delon zusammenstößt oder im Stau am Hafen einen unsanften Stoß von dem hinter einem stehenden Ferrari eines nicht weniger berühmten Mitbürgers bekommt. Da trifft sich Claudia Schiffer mit Phil Collins zum Mittagessen und Verona Pooth plauscht mit Udo Jürgens beim Nachmittagskaffee.
Will man dem internationalen Jetset und den Fahrern einmal ganz nahe sein, so empfiehlt sich auf jeden Fall eine Reise zum Grand Prix von Monaco. Nirgendwo sonst ist der Zuschauer so nahe am Geschehen wie in Monaco und nirgendwo sonst laufen so viel Angehörige der oberen Zehntausend auf so wenig Raum herum. In Kauf muss man dafür aber Preise nehmen, die einem normalen Bürger dazu verleiten, lieber an Durst zu leiden statt für ein Glas Mineralwasser 30 Euro zu zahlen.
Ohne Moos nix los...
Eine gut gefüllte Brieftasche ist für jeden Monaco-Besucher also ein Muss, auch wenn er nicht im Grand Prix Café Rascasse in der Avenue La Quarantaine isst oder abends im La Coupole im 'Hotel Mirabeau in der Avenue Princess Grace 1-3 für 800 Euro diniert, oder auch im Restaurant Le Louis XV im Hotel de Paris, wo ein Menü die Kleinigkeit von 150 bis 200 Euro kostet. Eine kleine Ausnahme unter den Restaurants bildet das Stars'n'Bars am Quai Antoine 1er 6, direkt am Zaun zum Fahrerlager, eine Blues-Bar mit hervorragenden Cajun-Spezialitäten. Hier kann sich ausnahmsweise auch Otto Normalverbraucher ein komplettes Abendessen für 20 Euro leisten.
Diejenigen, die frühzeitig reserviert haben und es sich leisten können, sitzen während des Rennens für 1.000 Euro pro Person - nur durch einen Maschendrahtzaun von der Strecke getrennt - im Grand-Prix-Café und speisen fürstlich Pizza und Bier.
Das Straßenbild wird von mehr Ferraris, Rolls-Royces und Lamborghinis bestimmt als auf jeder Automesse und sogar im Hafen herrscht akute Parkplatznot. Die größten und teuersten Jachten des Mittelmeers liegen so eng gedrängt, dass sich ihre Besitzer über die Reling fast die Hand geben können. Partys gibt es ebenfalls mehr als genug und in Monaco nehmen auch die Fahrer an den gesellschaftlichen Aktivitäten teil.
Sehen und gesehen werden
Abends, nachdem die Sonne untergegangen ist, beginnt das große Zurschaustellen. Vor dem Casino und dem berühmten Nachtklub Jimmy'Z in der Avenue Princess Grace 26 neben dem Monte Carlo Sporting Club stehen Horden von Menschen in kostbaren Abendroben beim Smalltalk und lächeln huldvoll in die Kameras der Fotografen. Hier herrscht am Sonntagabend reges Kommen und Gehen der Formel-1-Piloten, die ausgelassen feiern, egal ob sie gewonnen oder verloren haben.
Wer hierhin geht, sollte am besten noch viel in der Urlaubskasse haben, denn ein Fläschchen Mineralwasser kostet gerade mal die Kleinigkeit von 80 Euro und die vielen hübschen Mädchen, die gerne auch mal mehr tun als nur harmlos flirten, geben sich selten nur mit Wasser zufrieden. Klar ist auch, dass man als weiblicher Besucher des Jimmy'Z auf alle Fälle ohne Geldbeutel unterwegs ist...
Einer der Anziehungspunkte sämtlicher Monaco-Touristen ist die Tip Top Bar in der Avenue de Spélugues, die zu den Lieblingstreffpunkten der Mercedes-Mannschaft gehört und deren Stehpartys allabendlich zu großen Teilen auf dem Bürgersteig stattfinden.
Flirtchancen bieten sich in Monaco eigentlich überall, ebenso wie die Chance, Piloten und Prominenz hautnah zu sehen, insbesondere aber Wohltätigkeitsfußballturnier am Dienstagabend vor dem Grand Prix im Fußballstadion von Monte Carlo, im Stars'n'Bars, dem Grand Prix Café in der Rascasse, der Tip Top Bar und im Jimmy'Z.
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